NAHRUNGSMITTELALLERGIE ODER UNVERTRÄGLICHKEIT?
- vor 6 Tagen
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Obwohl Allergien, Unverträglichkeiten und Intoleranzen häufig auftreten, kennen viele Betroffene den Unterschied nicht und wissen oft gar nicht, was ihnen eigentlich fehlt und was sie dagegen tun können.
Eine Nahrungsmittelallergie ist wie jede andere Allergie stets dadurch gekennzeichnet, dass es zu einer Reaktion des Immunsystems kommt. Es kommt zu einer Überreaktion des Körpers auf einen Fremdstoff, ein sogenanntes Allergen, das an sich (für nicht-allergische Menschen) ungefährlich ist.
Es kann sich hierbei praktisch um fast jede Substanz handeln, die in einem Lebensmittel steckt – ob natürlich oder zugesetzt, z. B. um Proteine, aber auch um Zusatzstoffe wie Geschmacksverstärker. Schon kleinste Mengen können ausreichen, um eine allergische Reaktion auszulösen.
Im Gegensatz dazu ist das Immunsystem bei einer Intoleranz (Unverträglichkeit) nicht beteiligt, weshalb es auch nicht zu einer immunologischen Reaktion kommt. Stattdessen fehlen dem Körper hier gewisse Enzyme oder Transporterproteine, was dann zu Symptomen führt.
Bei der Laktoseintoleranz beispielsweise fehlt das Enzym Lactase, das die Laktose (Milchzucker) abbauen würde.
Bei der Fruktoseintoleranz sind hingegen zu wenige Transporterproteine in der Darmschleimhaut vorhanden, über die der Körper die Fruktose aufnehmen könnte.
Der allererste Kontakt mit einem Allergen und die diesbezügliche Immunantwort des Körpers werden als Sensibilisierung bezeichnet. Es kommt hierbei zur Bildung des Antikörpers Immunglobulin E (IgE). Diese Sensibilisierung verursacht in der Regel jedoch keinerlei oder nur geringfügige Krankheitssymptome. Die Antikörper können jedoch bereits im Blut nachgewiesen werden.
Die Sensibilisierungsphase kann nur 5 Tage, aber auch mehrere Jahre dauern. Erst wenn sie beendet ist, treten bei Allergikern erstmals Symptome auf, sobald sie erneut mit dem entsprechenden Allergen in Kontakt kommen.
Denn durch den sogenannten Zweitkontakt werden die IgE-Antikörper aktiviert, wodurch im Körper Stoffe wie z. B. Histamine freigesetzt werden, welche letztendlich die Nahrungsmittelallergie bzw. die allergischen Reaktionen auslösen.
Anders verläuft die Sache bei Menschen, die keine Nahrungsmittelallergien entwickeln. Denn bei diesen kommt es entweder zu gar keiner oder lediglich zu einer milden Immunantwort. Sie entwickeln eine Toleranz, was bedeutet, dass sie sich an die Fremdstoffe gewöhnen.
Ihr Immunsystem lernt, harmlose Substanzen von schädlichen zu unterscheiden und dieses Wissen zu behalten. Oft kommt es auch bei Allergikern irgendwann wieder zu einer Toleranz, sodass sie die Allergene wieder vertragen.
Die Symptome können bei einer Nahrungsmittelallergie variieren und unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Auch hängen sie davon ab, ob es eine Nahrungsmittelallergie vom Soforttyp ist (die Symptome treten unmittelbar nach dem Verzehr des Lebensmittels auf) oder vom verzögerten Typ (die Symptome können auch erst am nächsten Tag oder zwei bis drei Tage später eintreten). Besonders letztere sind schwer mit dem auslösenden Lebensmittel in Verbindung zu bringen, da die Reaktion so zeitversetzt auftritt.
Die Symptome von Nahrungsmittelallergien vom Soforttyp sind die folgenden:
Von einem leichten Jucken und Brennen im Mundraum bis hin zu Schleimhautschwellungen im gesamten Mund-, Nasen- und Rachenraum mit oder ohne Schleimbildung.
Auch die Atemwege (allergisches Asthma) und die Haut (Ekzeme, Juckreiz und Nesselsucht) können bei einer Nahrungsmittelallergie betroffen sein.
Überdies können bei Nahrungsmittelallergien Symptome im Magen-Darm-Bereich wie z. B. Übelkeit, Erbrechen, Blähungen und Durchfall auftreten.
Im Extremfall kann eine Nahrungsmittelallergie zu einem lebensbedrohlichen anaphylaktischen Schock führen.
Nahrungsmittelallergien vom verzögerten Typ können die folgenden Symptome haben:
Auch bei Nahrungsmittelallergien vom verzögerten Typ können sich Symptome im Verdauungsbereich zeigen und ähneln dem Reizdarmsyndrom mit Blähungen, Aufstoßen oder auch Durchfall und Verstopfung im Wechsel.
Es können sich aber auch Hautausschläge zeigen, so dass der Betroffene glaubt, er leide an Neurodermitis, die jedoch verschwinden würde, ließe er das auslösende Nahrungsmittel weg.
Selbst Übergewicht kann ein mögliches Symptom dieser Art von Nahrungsmittelallergien sein.
Besonders häufig sind es jedoch unspezifische Symptome wie eine erhöhte Infektanfälligkeit der Atemwege (Erkältungen, Bronchitis) sowie Kopfschmerzen bis hin zu immer wieder kehrenden Migräneattacken oder auch immer wieder kehrende Phasen mit chronischer Müdigkeit und Konzentrationsproblemen.
Zum anaphylaktischen Schock kommt es bei dieser Form von Nahrungsmittelallergien nicht.
Laut einer im Jahr 2012 an der Medical University of Viennadurchgeführten Studie spielt nicht nur der Darm, sondern auch der Magen bei der Entstehung von Nahrungsmittelallergien eine wichtige Rolle. In vitro wurde festgestellt, dass Allergene in Nahrungsmitteln, z. B. in der Milch oder in Haselnüssen, bei Anhebung des pH-Wertes nicht komplett verdaut werden können, was der Fall ist, wenn der Magen über zu wenig Magensäure verfügt.
Die Forscher kamen zum Schluss, dass Nahrungsmittelallergien mit einem erhöhten pH-Wert im Magen zusammenhängen können.
Dafür spreche auch, dass Kleinkinder, die generell häufig an Allergien erkranken, im Normalfall über wenig Magensäure verfügen.
Bei Erwachsenen sind es nicht selten die beliebten Säureblocker für den Magen, die den Magen-pH-Wert heben und somit anfälliger für Allergien machen können – wie Forscher im Jahr 2019 belegt haben.
Sie werteten Daten von 97 Prozent der österreichischen Bevölkerung aus und fanden heraus, dass Menschen, die Magensäurehemmer (auch Säureblocker oder Protonenpumpeninhibitoren genannt) einnehmen, häufig Allergien entwickeln. Die Wissenschaftler mahnten deshalb die Ärzteschaft, diese Arzneimittel mit Vorsicht zu verschreiben und sicherzustellen, dass sie so kurz wie möglich eingenommen werden.
Sie erkennen diese Mittel an der Endung -prazol, z. B. Omeprazol, Pantoprazol o. ä. Diese Medikamente sollten wo immer möglich gemieden werden, da sie nicht nur das Allergierisiko erhöhen, sondern noch viele andere Beschwerden mehr verursachen können und überdies in eine Art Abhängigkeit führen können.
Wenn Sie vermuten, an einer Nahrungsmittelallergie zu leiden, können Sie bei einem Arzt verschiedene Tests durchführen lassen. Die Krankengeschichte spielt hierbei eine wichtige Rolle.
Immer mehr Menschen sind der Überzeugung, an einer Nahrungsmittelunverträglichkeit oder Nahrungsmittelallergie zu leiden. Doch trifft das wirklich zu?
Einigen Wissenschaftlern zufolge handelt es sich bei Nahrungsmittelunverträglichkeiten bzw. Intoleranzen oft schlichtweg um Einbildung (20) und bei Nahrungsmittelallergien um Fehldiagnosen.
Die European Centre for Allergy Research Foundation (gemeinnützige europäische Stiftung für Allergieforschung) widerspricht Anmassungen wie diesen aber ganz klar. Denn auf dem 14. Deutschen Allergiekongress im Jahr 2019 in Hannover wiesen Experten darauf hin, dass Klinikaufenthalte aufgrund von schweren allergischen Reaktionen bis hin zum anaphylaktischen Schock – insbesondere bei Kindern – stark gestiegen seien, nämlich um das Siebenfache in den letzten zehn Jahren.
Prof. Katie Allen vom Murdoch Children’s Research Institute in Melbourne war sichtlich überrascht, als sie die Daten von 5.300 Kindern auswertete. Denn sie dachte, dass etwa eines von 20 Kindern allergisch auf Nüsse reagieren würde, doch es waren gleich doppelt so viele. Die Forscherin gab an, dass man hier schon von einer Epidemie sprechen müsse.
Fakt ist also, dass die Häufigkeit von Nahrungsmittelallergien in den letzten 30 Jahren zugenommen hat, insbesondere in Industrieländern (18). Warum dies aber so ist, weiß noch niemand genau. Drei Faktoren könnten dabei jedoch eine wichtige Rolle spielen: 1. Naturferne Lebens- und Ernährungsweise, die zu Darmflorastörungen führt, 2. Vitamin-D-Mangel und 3. Säuglinge erhalten zu spät potenziell allergene Nahrungsmittel.
Quellen:
Langen U et al, Häufigkeit allergischer Erkrankungen in Deutschland, Robert Koch-Institut, Mai 2013
Erster österreichischer Allergiebericht – Einschätzung und Realität, Österreichische Ärztezeitung, Juni 2006
Lea Schwer, 3 Millionen Schweizer leiden an Allergien – ihnen hat der Bauernhof-Effekt nicht geholfen, Aargauer Zeitung, Juli 2017
17 Prozent leiden unter Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Die Presse, Oktober 2014
Diesner SC et al, Mechanisms and risk factors for type 1 food allergies: the role of gastric digestion, Wien Med Wochenschr, November 2012
Bundesinstitut für Risikobewertung, Sojaprodukte können bei Birkenpollen-Allergikern schwere allergische Reaktionen auslösen, April 2007
Zuberbier T, Sellerie, Kirschen & Co. – Kreuzallergien, European Centre for Allergy Research Foundation, November 2016
Mehr schwere allergische Reaktionen, European Centre for Allergy Research Foundation, Oktober 2019
Darmbakterien und Kuhmilchallergie, European Centre for Allergy Research Foundation, November 2019
Galateja Jordakieva et al, Country-wide medical records infer increased allergy risk of gastric acid inhibition, Nature Communications, Juli 2019
Dr. Alexandra Santos, Why the world is becoming more allergic to food, BBC, September 2019
Catharine Paddock, Could certain gut bacteria protect against food allergy?, Medical News Today, Juni 2019
Cregan-Reid V, Allergies: the scourge of modern life?, The Guardian, Oktober 2018
Gluten-Empfindlichkeit: Alles nur Einbildung?, Ärzte Zeitung, Februar 2012
Early Consumption of Peanuts Prevents Peanut Allergy in High‐Risk Infants, Immune Tolerance Network, Februar 2015
Catharine Paddock, New genetic risk factors for peanut and food allergy identified, Medical News Today, Oktober 2017
Deutsche Gesellschaft für Ernährung, IgG-Tests zur Diagnose von Lebensmittelunverträglichkeiten sind untauglich, 2009
Glenk LM et al, Salivary cortisol responses to acute stress vary between allergic and healthy individuals: the role of plasma oxytocin, emotion regulation strategies, reported stress and anxiety, Stress, Oktober 2019
Kurup VP et al., Immunomodulatory effects of curcumin in allergy, Mol Nutr Food Res. 2008 Sep;52(9):1031-9. doi: 10.1002/mnfr.20070029



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