WIE DIE DARM-HIRN-ACHSE UNSERE GESUNDHEIT BEEINFLUSST
- agneskalaitzis
- 29. Juli 2025
- 8 Min. Lesezeit

Man spricht oft vom Bauchgefühl oder sagt, dass Emotionen im Darm sitzen. Viele Entscheidungen treffen wir „aus dem Bauch heraus“.
Und Sorgen und Ängste können so heftig auf den Magen schlagen, dass man tagelang nichts essen kann.
Dass unsere Psyche und unser Verdauungssystem miteinander verbunden sind, ist keine Einbildung. Das Gehirn und der Darm stehen in ständiger, enger Kommunikation und haben einen großen Einfluss aufeinander.
Der Darm ist dabei „gesprächiger“ als das Gehirn:
Etwa 90 % der Informationen werden von unten nach oben geleitet. Denn im Darm befinden sich ca. 30 bis 100 Billionen Mikroorganismen. Das sind deutlich mehr Zellen als körpereigene Zellen. Sie senden ununterbrochen Signale ans Gehirn.
Dies erklärt, warum der Darm, insbesondere die Darmflora, einen so großen Einfluss auf unsere psychische Gesundheit hat. Er wirkt sich auf Emotionen, Verhalten und das Schmerzempfinden aus.
So gesehen ist es nicht verwunderlich, dass die meisten psychischen und neurologischen Erkrankungen mit einer Darmdysbiose einhergehen. Leider wird bei der Behandlung der Darm oft vernachlässigt.
Der Darm und das Gehirn kommunizieren auf verschiedenen Wegen:
Nervenbahnen
Das Gehirn und der Darm sind über Nervenbahnen des autonomen Nervensystems verbunden.
Das autonome Nervensystem ist der Teil des Nervensystems, der sich weitestgehend der bewussten Kontrolle entzieht. Es reguliert den Herzschlag, die Atmung, die Verdauung und den Stoffwechsel.
Nicht nur der darm ist über das autonome Nervensystem mit dem Gehirn verbunden, sondern auch viele andere Teile des Körpers.
Das autonome Nervensystem besteht aus 2 Gegenspielern:
Dem sympathischen und dem parasympathischen Nervensystem.
Beide Nervensysteme interagieren mit dem enterischen Nervensystem.
Das enterische Nervensystem ist ein komplexes Netzwert von Nervenzellen, das den Verdauungstrakt durchzeiht. Es wird einerseits durch das sympathische und parasympathische Nervensystem gesteuert, arbeitet aber auch autonom.
Sympathisches Nervensystem
Das sympathische Nervensystem, auch Sympathikus genannt, ist bei Aktivität und erhöhter Leistungsbereitschaft aktiv. Da in einer solchen Situation die Verdauung keine Priorität hat, sorgt der Sympathikus dafür, dass die Darmperistaltik und Produktion von Verdauungssäften gehemmt werden.
Der Sympathikus überträgt aber auch Informationen in die umgekehrte Richtung, vom Darm ans Gehirn, wie z. B. Informationen über den Füllungszustand des Darms und Dehnung der Darmwand. Auch Schmerzen, wie z. B. Bauchschmerzen werden über das sympathische Nervensystem übermittelt.
Parasympathisches Nervensystem
Der Parasympathikus ist in Ruhephasen aktiv und fördert die Regeneration. Er hat den gegenteiligen Effekt auf die Verdauung: Er regt sie an.
Der Hauptnerv des parasympathischen Nervensystems ist der Vagusnerv. Auch er leitet nicht nur Informationen vom Gehirn an den Darm weiter, sondern auch Signale vom Darm ans Gehirn, die den Appetit und Emotionen regulieren.
Hormonelle Botenstoffe
Es gibt verschiedene hormonelle Botenstoffe, die an der Kommunikation zw. Darm und Gehirn beteiligt sind.
HHN-Achse
Die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HHN-Achse) ist eigentlich ein Kommunikationssystem zw. dem Gehirn und der Nebennierenrinde. Sie sorgt dafür, dass die Nebennierenrinde bei Stress Cortisol ausschüttet. Cortisol wiederum wirkt auf verschiedene Zielorgane, auch auf den Darm.
Cortisol erhöht die Durchlässigkeit des darms und wirkt auch auf die Darmbakterien und die Immunantwort im Darm. Chronischer Stress kann daher einen Leaky Gut und eine Darmdysbiose begünstigen und Entzündungen fördern.
Der Darm wirkt umgekehrt aber auch auf die HHN-Achse. Bei einem Leaky-Gut können beispielsweise Entzündungsstoffe und bakterielle Bestandteile die HHN-Achse stimulieren und so die Cortisolproduktion erhöhen.
Bei chronischem Stress kommt es also leicht zu einem Teufelskreis: Stress schadet dem Darm und ein geschädigter Darm verursacht noch mehr Stress.
Ein gesunder Darm hingegen kann die HHN-Achse beruhigen. Kurzkettige Fettsäuren, die bei der Fermentation von Ballaststoffen entstehen, können helfen, die HHN-Achse zu normalisieren und stress entgegenzuwirken.
Hormone vom Darm ans Gehirn
Der Darm sendet mithilfe von Hormonen wichtige Signale ans Gehirn. Sättigungshormone wie Ghrelin, Leptin und GLP-1 übermitteln Informationen über den energie- und Nährstoffstatus, was die Nahrungsaufnahme beeinflusst.
Darmbakterien können auch das Bindungshormon Oxytocin produzieren, das das Sozialverhalten und Emotionen steuert.
Neurotransmitter
Darmbakterien produzieren Neurotransmitter wie Serotonin, Dopamin und GABA. Neurotransmitter sind Signalmoleküle, die von einer Nervenzelle auf eine andere Zelle übertragen werden. Diese Signalmoleküle aus dem Darm können über das enterische Nervensystem und den Vagusnerv Signale ans Gehirn senden und so z. B. die Stressantwort und Emotionen steuern.
Außerdem können die Neurotransmitter wie Serotonin, Dopamin und GABA aus dem Darm auf Immunzellen und die HHN-Achse wirken und so das Gehrin beeinflussen.
Umgekehrt wirken Neurotransmitter, die im Gehirn gebildet werden, auch auf den Darm. Sie können beispielsweise Darmbewegungen, Blutfluss und Immunreaktionen beeinflussen.
Immunsystem
Der Darm und das Gehirn sind auch über das Immunsystem verbunden. Sowohl Immunzellen im Darm als auch im gehirn sind an der Kommunikation beteiligt.
Zytokine
Zytokine sind Botenstoffe, die von Immunzellen produziert werden. Zu den bekanntesten Zytokinen gehören Interleukine, Interferone und TNF-a. Sie werden ins besondere bei Entzündungen und dem Leaky Gut Syndrom produziert und gelangen über das Blut oder Nervenbahnen ins Gehirn. Sie können Entzündungsprozesse im Gehirn fördern und die Aktivität von Nervenzellen beeinflussen.
Manche Zytokine können auch die Glut-Hirn-Schranke durchlässiger machen. Dadurch gelangen und viele schädliche Substanzen leichter ins Gehirn. Bei vielen neurologischen Erkrankungen ist die Blut-Hirn-Schranke nicht intakt und der Darm scheint dabei eine maßgebliche Rolle zu spielen.
Mikrogliazellen
Mikrogliazellen sind die Immunzellen des zentralen Nervensystems. Zahlreiche Stoffwechselproduke, die von Darmbakterien produziert werden, wirken auf die Mikrogliazellen.
Kurzkettige Fettsäuren haben eine entzündungshemmende Wirkung und können übermäßig aktive Mikrogliazellen hemmen.
Auch die verzweigtkettigen Aminosäuren Valin, Leucin und Isoleucin habeneine hemmende Wirkung auf Gliazellen. In zu großen Mengen können sie aber auch den gegenteiligen Effekt haben.
Darmbakterien produzieren noch weitere Stoffwechselprodukte, die bei der Darm-Hirn-Achse eine wichtige Rolle spielen.
Es gibt viele Stoffwechselprodukte, die in der Darm-Hirn-Achse involviert sind. Dazu gehören z. B. Gallensäuren und bestimmte Aminosäuren. Hervorzugheben sind vor allem kurzkettige Fettsäuren.
Die kurzkettigen Fettsäuren hemmen nicht nur Mikrogliazellen, sondern haben generell eine entzündungshemmende Wirkung. Außerdem können sie die Blut-Hirn-schranke stärken.
Beim Blick auf die Kommunikationswege zw. Darm und Gehirn wird schnell klar, dass diese sich gegenseitig stark beeinflussen und dadurch verstärken können. Ist eine Komponente der darm-Hirn-Achse gestört, zieht dies Probleme an anderen Stellen nach sich, die die ursprüngliche Störung verstärken können.
Z. B. hat die Darmflora einen großen Einfluss auf unser psychisches Wohlbefinden. Von den Darmbakterien produzierte Neurotransmitter sind für unsere psychische Gesundheit wichtig. Und vermehrte Entzündungen durch eine Darmdysbiose und Leaky Gut können Entzündungen im Gehirn verursachen, die mit psychischen Problemen in Verbindung stehen.
Psychische Probleme und stress wirken aber auch auf den Darm und können z. B. über die HPA-Achse eine Darmdysbiose verschlimmern. Diese verstärkt dann die psychischen Probleme noch mehr. Durch diese Rückkopplungsmechanismen entsteht ein Teufelskreis, der meist nicht leicht zu durchbrechen ist und dazu führt, dass die Beschwerden mit der Zeit immer schlimmer werden.
Aus diesem Grund spielt die Darm-Hirn-Achse bei vielen Erkrankungen eine wichtige Rolle.
Die Darm-Hirn-Achse ist nicht nur bei Darmerkrankungen, sondern auch bei psychischen und neurologischen Erkrankungen gestört.
Reizdarmsyndrom
Das Reizdarmsyndrom ist eine Darmerkrankung, die sich durch häufige Bauchschmerzen, -krämpfe, Völlegefühl, Blähungen und Verdauungsprobleme äußert. Manche Betroffenen leiden eher unter Durchfall, andere unter Verstopfung.
Die Erkrankung betrifft aber nicht nur den Darm. Oft geht das Reizdarmsyndrom mit kognitiven Problemen, Depressionen und Angstzuständen einher. Denn beim Reizdarmsyndrom sind mehrere Komponenten der darm-Hirn-Achse gestört.
Ein zentralen Problem beim Reizdarmsyndrom ist eine gestörte Darmflora.
Diese führt zu Entzündungen im Darm, die einerseits die Darmbarriere schwächen und Leaky Gut begünstigen, andererseits auch für das die erhöhte Schmerzempfindlichkeit des Darms verantwortlich sind, was als Bauchschmerzen oder Unwohlsein wahrgenommen wird.
Der Leaky Gut fördert außerdem chronische Entzündungen außerhalb des Darms, die über das Blut und Nervenbahnen auch Entzündungen im Gehirn verursachen können. Diese ist ein Grund, warum das Reizdarmsyndrom stark mit kognitiven und psychischen Problemen assoziiert ist.
Wenn sich Nerven entzünden, die die Darmmotilität steuern, kann dies wiederum auch typische Symptome wie Durchfall und Verstopfung verursachen oder verstärken.
Durch die Veränderungen in der Darmflora ist auch die Produktion von Neurotransmittern im Darm gestört.
Neurotransmitter, wie Serotonin wirken einerseits im Darm. Serotonin reguliert die Darmmotilität, die Sekretion von Verdauungssäften und die Schmerzempfindlichkeit im Darm.
Andererseits wirken Neurotransmitter aus dem Darm auch über das Blut und den Vagusnerv auf das Gehirn und können die Stimmung und das Stressempfinden beeinflussen.
Aber auch hier gibt es wieder eine Bidirektiionalität: Neurotransmitter aus dem Gehirn steuern Vorgänge im Darm und ein Ungleichgewicht kann zu Reizdarmsymptomen führen.
Auf ähnliche Art und Weise kann auch stress über die HHN-Achse das Reizdarmsyndrom verstärken. Denn das Stresshormon Cortisol beeinflusst die Darmflora.
Neurodegenerative Erkrankungen
Bei neurodegenerativen Erkranungen wie Alzheimer, Parkinson, Amyotrophe Laeteralsklerose und Chorea Huntington ist die Darm-Hirn-achse meist beeinträchtigt.
Parkinson
Parkinson geht nicht nur mit motorischen Störungen, sondern auch mit Verdauungsbeschwerden und Darmdysbiose einher.
Interessanterweise treten die Veränderungen im Darm meist einige Jahre vor den motorischen Problemen auf, was bereits darauf hinweist, dass die darm-Hirn-achse bei der Erkrankung involviert ist.
Die neurodegenerative Erkrankung ist durch a-Synucleinaggregationen gekennzeichnet, die die Nervenzellen schädigen. Hier scheint die Darmflora eine wichtige Rolle zu spielen. Denn die durch die Darmdysbiose verursachten Entzündungen können die Aggregation von a-Synuclein im Gehirn begünstigen.
Umgekehrt können auch die Schädigungen an den Nervenzellen bei Parkinson zu den Verdauungsstörungen beitragen. Beispielsweise sind dopaminproduzierende Nervenzellen (dopaminerge Neuronen), die bei Parkinson absterben, an der Verdauungsregulation beteiligt.
Alzheimer
Auch bei Alzheimer ist die Darm-Hirn-Leaky Gut betroffen und weisen eine veränderte Darmflora auf. Ähnlich wie bei Parkinson scheinen durch den Darm verursachte Entzündungen Amyloid-Beta-Ablagerungen im Gehirn zu begünstigen.
Auch bei anderen neurologischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Migräne, Autismus und Fibromyalgie ist die Darmflora verändert und die Darm-Hirn-Achse gestört.
Migräne
Die durch die Darmdysbiose entstehenden Entzündungen können Migräne verstärken
ADHS
Bei ADHS scheint die veränderte Darmflora teilweise für den gestörten Dopaminstoffwechsel verantwortlich zu sein, der mit der Erkrankung einhergeht.
Fibromyalgie
Bei Fibromyalgie vermutet man, dass das erhöhte schmerzempfinden durch Mikrogliazellen vermittelt wird, die durch entzündungsfördernde Botenstoffe in einen entzündlichen Zustand versetzt werden.
Autismus
Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) werden ebenfalls zunehmend mit einer gestörten Darm-Hirn-Achse in Verbindung gebracht.
Zahlreiche Studien zeigen, dass viele autistische Kinder und Erwachsene Darmproblemen wie Verstopfung, Durchfall oder Blähungen leiden. Zudem weisen sie oft eine veränderte Zusammensetzung der Darmflora, erhöhte Entzündungswerte und Hinweise auf ein Leaky Gut Syndrom auf.
Auch bei Autismus spielt die Neurotransmitter-Balance eine Rolle – etwa im Serotonin- und Dopaminstoffwechsel – ebenso wie eine veränderte Immunantwort im Darm, die über Zytokine auf das Gehirn wirken kann.
Erste Therapieansätze zielen darauf, über Ernährung, Probiotika und entzündungshemmende Maßnahmen das Gleichgewicht der Darm-Hirn-Achse zu verbessern.
In Einzelfällen zeigten sich unter konsequenter Therapie der Darmgesundheit deutliche Verbesserungen autistischer Symptome. Autismus Symptome bessern sich bei Regulierung der Darmflora.
Psychische Störungen
Bei psychischen Erkrankungen
Bei psychischen Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen spielt die Darm-Hirnachse ebenfalls eine wichtige Rolle. Betroffene Personen weisen häufig eine geringe Diversität der Darmbakterien auf. Die dadurch veränderte Neurotransmitterproduktion und entstehenden Entzündungen können die Psyche beeinflussen.
Die Bedeutung der Darmflora für die psychische Gesundheit wird aktuell wissenschaftlich untersucht. Da eine veränderte Darmflora negative Auswirkungen auf die Psyche haben kann, sind Probiotika als Therapie naheliegend.
Quellen:
RASKOV H, BURCHARTH J, PMMERGAARD HC, ROSENBERG J, IRRITABLE BOWEL SYNDROME, THE MICROBIOTA AND THE GUT-BRAIN AXIS. GUT MICROBES 2016 SEP 2
Loh JS, Mak Wq, Tan KS, Ng Cx, Chan HH, Yeow SH, Goo Jb. Ong Xs Hor DW. Khar Microbiota-gut –rain axid and its therapeutic applications in neurodegenerative sideases. Signal Transduct Target Ther. 2024 Fet 16
Bel Toro-Barbosa M, Hurtado-Romero A, Garcia-Amezquita LE, Garcia Cayuela, Psychobiotics: Mechanisms of CTION, EVALUATION METHODS AND EFFECTIVENESS IN APPKICATIONS WITH FOOD PRODUCTS. NUTRIENTS. 2020 DEX 19
CHEN G.,SHI D, YIN W, GUO Y, LIU A, SHUAI J, SUN J, GUT MICROBIOT DYSBIOSIS: THE POTENTIAL MECHANISM BY WHICH ALCOHOL DISRUPTS GUT AND BRAUIN FUNCTIONS. FRONT MICROBIOL 2022 JUL 29
GORKY J, SCHWABER , THE ROLE OF THE GUT-BRAIN AXIS IN ALCOHOL USE DISORDERS. PROG NEUROPSYCHOPHARMACOL BIOL PSYCHIATRY. 2016 FEB 4
Wiles JE, Bedell a, Graham A, Kells M. Brfain gut psychotherapies. Promising tools to address gastrointestinal problems in patients with eating disorders. Int J East Disord. 2021 Jun, 54(6):1063-1067




Kommentare